Ist ja schön, dass heutzutage alle Welt Halloween feiern muss, dass Muggelkinder in Zaubererklamotten durch die Gegend laufen und Mehl und Ketchup verstreuen... aber haben wir es wirklich nötig, europäische Traditionen über Amerika zu reimportieren? Sehr merkwürdig. Ich versteh die reinen Muggel ja öfter nicht, aber das ist ein ganz spezieller Punkt, über den ich mich jedes Jahr wieder wundere. Na, egal. Bei uns wird jedenfalls Samhain gefeiert. Solange ich mich zurückerinnern kann, feiern das meine Eltern zusammen mit den Binsenbergs und den Schwarzschilds, erst ein feierliches Essen, jedes Jahr abwechselnd bei einer der Familien und danach zum Tanz ins Stralsunder Schloß. Dieses Jahr waren meine Eltern wieder dran, und ich hatte versprochen zu kochen. Mache ich ja gerne. Ich hab mich auch auf einen gemütlichen Abend gefreut, Tito Schwarzschild ist ja mein Patenonkel und auch die anderen kenn ich ja schon ewig.
Meine schöne Planung ist dann aber beinahe von der Arbeit durcheinander geworfen worden. Donnerstagnachmittag kam ein Auftrag für eine neue Sonderanfertigung, gleich fix und fertig im Paket mit den Zutaten. Wyrmnase, Leguanhirn, Webkäferfett, Tangkrähen und noch hundert anderer Kram. Eilbestellung Tepi-Tetra-Trank, der natürlich sofort fertig sein muss. Hallo? Ist euch klar, wie lange das Zeug kochen muss? Und das ich das nicht einfach aufs Feuer stellen und kochen lassen kann? Was ich mit den Zutaten erst alles anstellen muss? Filtrieren, destillieren, ritualisieren...? Es ist mir ja ziemlich egal, was ihr mit dem Tepi Tetra am Ende anstellt, aber wenn alle halbe Stunde jemand reinstürzt und nach den Fortschritten fragt, hilft mir das so gar nicht weiter. Von geregelten Arbeitszeiten ganz zu schweigen. Ich kann das Zeug ja nicht einfach über Nacht in den Kühlschrank stellen, wenn das 33 Stunden am Stück erhitzt und gerührt werden muss! Danke, tolles Wochenende! Glücklicherweise hat Nela die Nachtschicht übernommen, dass ich wenigstens ein paar Stunden geschlafen habe. Nela Scheelit gehört eigentlich drüben in die Forschungsabteilung. Sie hatte sowieso Nachtschicht und musste ihre Proben nicht die ganze Zeit im Auge behalten, so dass das geklappt hat. Ich schulde ihr ein Essen. Oder vielmehr schuldet Chefchen uns beiden ein Essen – so ohne Vorplanung hätte das mit dem Trank nämlich mächtig schief gehen können. Mal ganz abgesehen von den Nebenwirkungen und Fehlwirkungen, möchte ich nicht wissen was allein die Portion Wyrmnase gekostet hat.
Sonntagnachmittag war ich dann endlich fertig mit dem Trank. Umgefüllt hab ich das stinkende Zeug noch selbst, aber gegenprüfen und versenden durfte es dann Wieland. Ich bin bloß noch heimgewankt und hab geschlafen.
Montag Nachmittag war ich dann wieder halbwegs zurechnungsfähig, dass ich mich um das Samhain-Menü kümmern konnte. Zum Glück hatte Mama schon alles gekauft. Und zum Glück gilt an solchen Tagen nicht ihr Magieverbot im Haushalt. Wenn schon Zauberer und Hexen als Gäste kommen, muss man es ja damit nicht übertreiben. Das Schneiden und Schnippeln und über Zwiebeln Weinen konnte ich mir also sparen und mich ganz aufs Kochen konzentrieren. Rehlein sollte es geben. Lecker. Zuerst natürlich Kürbissuppe mit gerösteten Kernen. Dann Rehrücken in Apfel-Orangensoße mit Walnüssen und Esskastanien, dazu die gesammelten Waldpilze und gebackene Kartoffeln. Und dann noch gefüllte Eierkuchen, die sich mit einem kleinen Schwenk mit dem Zauberstab hübsch blau flambieren lassen. Dazu ein guter Wein und eine gemütliche Unterhaltung. :) Nach dem Essen hat sich Cici zu ihrer spektakulären Halloweenparty verabschiedet – nachdem Mama und ich sie hübsch ausstaffiert haben oder Cici und ich Mama. Wie man es nimmt. :)
Gegen 10 war ich dann noch allein im Haus, nachdem auch die anderen zu ihren Festivitäten verschwunden sind. Ich hab noch aufgeräumt und bin dann an der Steilküste zurückgelaufen. Samhain, die Nacht der Tote. Da sitze ich gerne an der Steilküste und beobachte den Geisterreigen über der versunkenen Stadt Vineta. Schwebende, halb durchsichtige Geschöpfe, die mit der Musik der Wellen im Licht der Sterne tanzen. Schön. Zauberhaft. Nur die Nacht und der Wind und die Wellen. Natürlich hab ich einen Schutzkreis gezogen. – Und ich war nicht allein. Taddy kam tatsächlich, um mir Gesellschaft zu leisten. Ich hatte nicht wirklich damit gerechnet. Ich hatte es ihm angeboten, in dem ganzen Streß die Tage zuvor aber nicht mehr mitbekommen, was er dazu gesagt hatte. Ich war überrascht, das gebe ich zu. Schließlich ist das nicht gerade der klassische Platz für Samhain-Vergnügen. Aber die Überraschung war nicht unangenehm. ;)
Anonymous
November 3 2005, 10:20:51 UTC 6 years ago
Klingt schön!
Ja, das hab ich mir auch schon ewig vorgenommen, dich zu Samhain mal zu besuchen um den Reigen sehen zu können. *seufz* Aber ich glaube gerne, daß dein Schulfreund - na gut, damals ja noch nicht, aber wie auch immer - eine nicht unangenehme Gesellschaft war ... *zwinker*Wencke
(noch anonym hier ...)
Anonymous
November 3 2005, 10:55:06 UTC 6 years ago
Re: Klingt schön!
Hey, prima! Du hast den Weg hierher gefunden! Ist doch schön, wenn Technik ausnahmsweise mal verbindet. :) Und ein paar Worte lassen sich so einfacher wechseln, als Brief und Eule... ja, ich schulde dir noch eine Eule... kommt noch, versprochen.*drück*
Nesaia
November 3 2005, 12:58:12 UTC 6 years ago
Ich hatte in jedem Fall sehr nette Gesellschaft.
Taddy
November 3 2005, 15:36:25 UTC 6 years ago
N.